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Tagsüber im Einkaufszentrum – Nachts im Heim

vom 10.02.2012 um: 14:18 Uhr | Quelle: dapd
Stadtgeschehen Erfurt Tagsüber im Einkaufszentrum – Nachts im Heim

Jena/Erfurt (dapd-lth). Als Manfred Koßmann mit seinem kleinen Rucksack das Obdachlosenheim verlässt, sind es draußen fast zehn Grad unter null. Es schneit leicht. Strickmütze, Schal und ein langer Mantel sollen den 69-jährigen Wohnungslosen durch den Tag im Freien bringen. In der Nacht werden bis zu minus 15 Grad Celsius erwartet.

Wie man dann draußen überleben könne, sei ihm schleierhaft, sagt er. Erst Anfang Februar war ein Obdachloser in Magdeburg erfroren – auf einer Bank mitten in der Stadt. Koßmann wird deshalb am Abend wieder zurückkehren – ins “Übergangswohnheim für Obdachlose” in Jena.

Zusammen mit ihm leben dort derzeit zehn Menschen. Das seien nicht wesentlich mehr als im Sommer, sagt Heimleiter Ralf Kreißig. Doch wenn die Nächte besonders kalt sind, müsse er schon mal spontan 15 Personen zusätzlich aufnehmen. Insgesamt stehen im Heim 45 Betten bereit. Wegen der kalten Tage dürfen die Bewohner derzeit täglich zwei Stunden länger im Heim bleiben.

Gemeinsam mit Koßmann gehen auch Harald Födisch und Frank Sonnekalb aus dem Haus. Die Drei sind Langzeitbewohner. Sonnekalb ist seit rund einem Jahr hier, Födisch schon seit 16. “Das ist zwar nicht so gedacht, aber wir akzeptieren das”, sagt Kreißig.

Den Tag verbringt Födisch oft in Einkaufszentren, wo es warm ist. Vor der Wende sei er im Betriebsrat des Konsums gewesen – seitdem ist er arbeitslos. Manchmal gehen sie auch in die Mensa der Universität. Da sitze man, unterhalte sich, höre Musik oder lese, sagt Koßmann. “Ich lese alles. Von der ‘Bild’-Zeitung bis Goethe.” Die Bücher für den Tag leiht er sich vorher aus der Bibliothek im Heim.

Wie viele Menschen von Obdachlosigkeit betroffen sind, ist unklar. Für 2010 rechnete die Bundesarbeitsgemeinschaft Wohnungslose (BAG-W) mit deutschlandweit etwa 250.000 obdachlosen Menschen, 30.000 davon im Osten Deutschlands. Neben einem Anstieg war zudem auch die Tendenz zu mehr jungen Obdachlosen zu beobachten.

In Jena Lobeda lebten zurzeit rund zehn Jugendliche ohne festen Wohnsitz, sagt Streetworker Tomm Reinhardt. Im Winter aber schliefe niemand im Freien. “Die sind alle bei Freunden und Bekannten untergekommen.”Bereits vor gut zwei Monaten hatte die Diakonie Mitteldeutschland erklärt, dass im Freistaat für jeden, der auf der Suche nach einer Bleibe sei, eine Unterbringung möglich wäre. Außerdem gebe es ganzjährig mehr als 30 Anlaufstellen für eine warme Mahlzeit. Beispielsweise die Wärmestube in Mühlhausen, die täglich von 30 Menschen besucht wird. Neben dem Essen gehe es vor allem darum, ihnen zuzuhören, sagt Reiner Engel, der Geschäftsführer der Diakonie Eichsfeld-Mühlhausen.

Doch selbst wenn das Angebot ausreichend ist: Einige Hilfsbedürftige bleiben den Heimen selbst in den eisigsten Nächten fern. Manchen seien die Regeln zu strikt, sagt der Leiter der Fachstelle zur Vermeidung von Obdachlosigkeit in Jena, Wolfgang Main. Es gebe etwa eine Handvoll Leute in der Stadt, die es ablehnten, ins Wohnheim zu gehen.

Dieses Problem ist auch in Erfurt bekannt. Sozialarbeiter André Rossum aus der Suppenküche der Caritas kennt mindestens vier Betroffene, die nicht im Obdachlosenheim schlafen, obwohl sie keinen festen Wohnsitz haben und das “Haus Zuflucht” noch über genug Betten verfügt. Manche kämen mit dem Alkoholverbot nicht klar, andere hätten Angst vor Diebstahl oder Gewalt durch andere Obdachlose. “Die kennen sich ja alle von der Straße”, sagt Rossum. “Für manche ist es eben ein Problem, mit anderen im Heim zusammenzuleben”.

Veröffentlicht in: Stadtgeschehen

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