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Rentner schreiben Heimatgeschichte im Internet

vom 10.07.2012 um: 14:59 Uhr | Quelle: dapd

Kassel (dapd-hes). Sie waren Lehrer, Förster oder Kürschner. Jetzt sind sie Rentner – und Pioniere im Internet. Unter dem Motto “Erinnerungen im Netz” haben Kasseler Senioren ein Online-Gedächtnis ihrer Stadt geschaffen. Sie haben Geschichten aus ihren Wohnquartieren gesammelt und für alle Welt zugänglich gemacht. Bislang ist das preisgekrönte Projekt hessenweit einmalig. Doch das soll sich ändern.

Software und eine Internet-Plattform, deren Entwicklung sich das hessische Sozialministerium rund 100.000 Euro kosten ließ, stehen nach reiflicher Erprobung in Nordhessen nun auch anderen Initiativen im Land zur Verfügung. Initiativen, die dem Kasseler Beispiel folgen wollen, können nach Angaben des Ministeriums kostenlos Software und Serverplatz bekommen.

Wenn Marianne Bednorz erklärt, wie alles anfing, kommt sie schnell auf die berühmten zwei Fliegen, die mit einer Klappe zu schlagen sind. “Aus meiner langjährigen Erfahrung in der Altenarbeit weiß ich, dass sich ältere Menschen gerne mit lokaler Geschichte beschäftigen”, sagt die Leiterin des Stadtteilzentrums Agathof im Kasseler Osten. “Und dass sie nach dem Ausscheiden aus dem Job oft keine Chance mehr haben, sich im Umgang mit digitalen Medien weiterzubilden.”

Mit “Erinnerungen im Netz” habe sie versucht, beides zu verknüpfen, sagt Bednorz. Es ist ein neuer Weg in der Seniorenarbeit. Der Erfolg gibt der Sozialpädagogin Recht. Erst kürzlich gewann das Projekt einen mit 10.000 Euro dotierten ersten Platz im Wettbewerb “Der ideale Ort”, den der Telefonbuchverlag Das Örtliche zur Förderung lokalen bürgerschaftlichen Engagements ausgeschrieben hatte.

Lachyoga, Seidenmalerei, Wirbelsäulengymnastik, Playbacktheater: Mehr als 60 Angebote für Rentner macht der Agathof jede Woche. Seit drei Jahren ist “Erinnerungen im Netz” ein fester Bestandteil davon. Jeden Donnerstag trifft sich die siebenköpfige Gruppe im Redaktionsraum im Erdgeschoss des roten Ziegelbaus. Früher, als das Gebäude noch als Schule diente, residierte hier der Hausmeister. Jetzt hängen Zeitungsausschnitte über Google an der Wand, neben langen Listen mit Themen für die Internetseite.

“Wir haben noch genug Material für die nächsten Jahre”, sagt Bernd Schaeffer, ehemaliger Vermessungsingenieur und Kopf der Redaktion. “Je bekannter wir werden, desto mehr bekommen wir angeboten.” Wie mehrere seiner Mitstreiter hat sich der 68-Jährige früher schon als Heimathistoriker betätigt und kann deshalb jetzt aus einem üppigen Privatarchiv schöpfen. Aber auch Anekdoten von Bewohnern des Stadtteils, Interviews mit Zeitzeugen und Dokumente aus dem Stadtarchiv werden für das digitale Gedächtnis im Internet verarbeitet.

Einen Beitrag pro Woche hatte sich die Gruppe beim Start 2009 vorgenommen. Ein ehrgeiziges Ziel, doch es wurde übertroffen: Heute sind rund 200 Texte auf der Webseite zu lesen, eine Zeitspanne vom 13. Jahrhundert bis in die Gegenwart wird abgedeckt. Und das Interesse daran ist groß: Jeden Monat werden 8.000 Besucher auf der Seite registriert, sogar in den USA wurde man schon auf das Projekt aufmerksam. Diese Anerkennung, sagt Sozialpädagogin Bednorz, sei entscheidend – gerade für Ältere. “Das hält die Menschen gesund.”

Den nordhessischen Netzexperten des dritten Lebensalters mangelt es jedenfalls nicht an Selbstbewusstsein. Mit dem Computer im Zentrum ihres kleinen Redaktionsbüros gehen sie ganz selbstverständlich um – obwohl das, wie mancher von ihnen zugibt, nicht immer so war. “Ich hab’ mich immer dagegen gesträubt”, sagt Gerhard Böttcher, 71 Jahre alt und Kürschnermeister. “Ich war sehr unbedarft und wusste gerade mal, wie man das Ding ein- und ausschaltet.”

Heute sind die Kasseler Online-Heimathistoriker so versiert im Umgang mit den neuen Medien, dass sie möglichen Nachahmern andernorts bereitwillig Starthilfe anbieten: “Wir haben die Erfahrung und haben ein Handbuch verfasst”, sagt Schaeffer: “Wir können den Steigbügel halten.”

( http://www.erinnerungen-im-netz.de )

Veröffentlicht in: Stadtgeschehen

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