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Wie das Schmallenberg-Virus Gehirn zu Brei verarbeitet

vom 08.02.2012 um: 16:19 Uhr | Quelle: dapd

Münster (dapd-nrw). Verdacht Schmallenberg-Virus. Die Beine des toten Ziegenlammes auf dem Sektionstisch sind verdreht, die Halswirbelsäule verkürzt, der keilförmige Schädel deformiert. Mit einem Messer und einer Pinzette öffnet Pathologe Alexander Weiss Bauch-, Brust- und Schädelhöhle. Die abgezogene Haut offenbart einen Blick in das Großhirn des Gladbecker Lammes. Wo normalerweise eine feste Substanz mit klaren Hirnwindungen wäre, ist nur breiige Flüssigkeit. “Bei diesem Ziegenlamm erwarten wir den Nachweis des Schmallenberg-Virus”, sagt der Tierseuchenexperte am Chemischen und Veterinäruntersuchungsamt (CVUA) Münsterland-Emscher-Lippe, Rolf Allmann.

Wenn die Diagnosemethode PCR den Verdacht bestätigt, wäre damit der 168. Betrieb in Nordrhein-Westfalen vom Schmallenberg-Virus betroffen. Nach dem Stand vom 7. Februar sind 161 Schaf- und 6 Ziegenhaltungen von dem durch Stechmücken übertragenen Erreger betroffen, bundesweit sind es 342. Täglich meldet das Friedlich-Löffler-Institut (FLI) für Tiergesundheit neue Fälle. Mittlerweile sind 13 Bundesländer betroffen, aber keines so stark wie Nordrhein-Westfalen.

Das CVUA in Münster ist neben Krefeld, Detmold und Arnsberg eines von vier Veterinäruntersuchungsämtern in Nordrhein-Westfalen, das täglich neue totgeborene Lämmer oder Kälber mit dem Verdacht auf Schmallenberg-Virus bekommt. 65 Tiere wurden hier seit dem 6. Januar untersucht. Bei jedem dritten Verdachtsfall bestätigt sich, dass der von Stechmücken auf das Muttertier übertragene Erreger für den Tod eines Lammes bei oder kurz nach der Geburt verantwortlich ist.

Ähnliches erwartet der Fachbereichsleiter für Tiergesundheit beim CVUA, Allmann, auch in dem Fall des Gladbecker Ziegenlammes. Einen Plastikbehälter mit Proben von Gehirn, Milz und Kot beschriftet der Virologe mit der Nummer 4831 und bringt ihn ins Labor. Die Probe wird zerkleinert, zentrifugiert, gefiltert und extrahiert, um die Erbmasse zu gewinnen. Danach wird die Virus-DNA vervielfältigt und ein Thermocycler erkennt mittels der sogenannten PCR-Diagnosemethode, ob es sich um den Schmallenberg-Virus handelt.

Endgültige Gewissheit, ob das Gladbecker Lamm infiziert ist, hat der Virologe erst am Freitag. Dann gibt er das Ergebnis an den Tierbesitzer, das zuständige Veterinäramt und das Landesamt für Natur, Umwelt und Verbraucherschutz (LANUV) weiter. Über diese Informationskette wird die Verbreitung der Seuche erhoben. Das LANUV spricht bei dem Virus, der im vergangenen Jahr erstmals in Schmallenberg im Sauerland nachgewiesen wurde, allerdings immer noch von einer Tierkrankheit.

“Eine Seuche wäre es erst dann, wenn wie bei der Blauzungenkrankenheit nicht nur Lämmer, sondern auch Muttertiere sterben”, erklärt ein LANUV-Sprecher. Dieses Detail ist wichtig, weil die Tierseuchenkasse den wirtschaftlichen Schaden der Schafzüchter, der laut einer Hochrechnung des Schafzuchtverbands Nordrhein-Westfalen in diesem Jahr bei 280.000 Euro liegt, nicht kompensieren muss, wenn es sich nur um eine Tierkrankheit handelt. Die Hälfte der Entschädigungen der Tierseuchenkasse trägt das Land, die andere Hälfte der Tierhalter, erläutert Allmann.

Ein Impfstoff kann frühestens bis 2013 entwickelt werden. Die Sprecherin des bundeseigenen FLI, Elke Reinking, rät den Schaf- und Rinderzüchtern bis dahin Schutzmittel gegen blutsaugende Insekten wie Gnitzen zu verwenden.

Der Vorsitzende des Schafzuchtverbands Nordrhein-Westfalen, Burkhard Schmücker, fühlt sich alleingelassen. Er fordert zumindest eine Unterstützung von 20 Euro für jedes totgeborene Schaf. Die Lammzeit fange in Nordrhein-Westfalen schließlich gerade an und sei erst im Mai beendet. Für die geschätzt 15 bis 20 intensiv geschädigten Betriebe sei es ohne Subventionen schwer, diese Zeit zu überstehen.

Allmann weist zudem darauf hin, dass die meisten betroffenen Kühe ihre Kälber erst zwischen April und Juni zur Welt bringen. Wenn die wertvolleren Kälber in einem ähnlichen Maße betroffen seien wie die Lämmer, dann sei der wirtschaftliche Schaden für die Landwirte immens. Es könne aber auch sein, dass die Kälber während der neunmonatigen Tragzeit immun werden.

Dennoch kann der 58-jährige Tierseuchen-Experte mit Gewissheit sagen: “Wir sind gerade erst am Anfang. Das Schmallenberg-Virus wird uns noch lange beschäftigen.” Das zu 70 Prozent verwandte Akabane-Virus beschäftige die Landwirte in Australien schon seit Jahrzehnten.

Veröffentlicht in: Tiere | Schlagworte:

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