Schiffstreffen an der Eiskante
Stralsund (dapd-lmv). Mit brachialer Gewalt bahnt sich am Mittwochmorgen der Tonnenleger “Görmitz” in der Dunkelheit den Weg durch den vereisten Peenestrom bei Karlshagen. Es sind erst wenige Stunden vergangen, seit westlich der Insel Usedom der letzte Frachter durch die Fahrrinne stampfte. Doch bei klirrender Kälte hat sich über Nacht schon wieder eine geschlossene Eisdecke gebildet.
Mit 6,4 Knoten (Zwölf Stundenkilometern) steuert Kapitän Horst Behrens den 1.500 PS starken Eisbrecher durch die Eiswüste. An der aufgebrochenen Fahrrinne im Heckwasser sammeln sich im Sonnenaufgang einige Seeadler zur Jagd auf Fisch.
Das 36 Meter lange Spezialschiff des Stralsunder Wasser- und Schifffahrtsamtes (WSA) hat Kurs auf den Greifswalder Bodden genommen. Jenseits des vereisten Küstengewässers nordöstlich von Rügen ankert seit Dienstagabend der holländische Frachter “Eems Chrystal”. Das 86 Meter lange Schiff hat Großrohrsegmente geladen, die nach Lubmin müssen, um dort zu Standfüßen für Windkrafttürme eines neuen Ostsee-Offshore-Parks verarbeitet zu werden. Ohne Eisbrecher-Eskorte wäre die Passage zum Industriehafen derzeit viel zu gefährlich.
Kapitän Behrens ist ein alter Fuchs. Der 63-Jährige mit 43 Jahren Kapitänspatent hat schon machen Katastrophenwinter in Vorpommerns Küstengewässern erlebt. “Aber dass die Küste dermaßen schnell zufriert, das gab es noch nie”, sagt er. Noch vor zehn Tagen hatten die Frachter auf ihrem Kurs zu den Häfen Wolgast, Lubmin, Greifswald-Ladebow oder Vierow freies Wasser. Jetzt pflügt die “Görmitz” durch 20 Zentimeter dickes Kompakteis, das selbst Schiffen mit Eisklasse und ohne Lotsen zum Verhängnis werden könnte.
Mithilfe von Satellitensignalen steuert Behrens sicher durch die Fahrrinne, deren Schifffahrtstonnen vom Ostwind des Vortages mit dem Eis aus ihren alten Positionen verdriftet wurden. Nach drei Stunden Fahrt ist die Eisgrenze sichtbar.
Im sogenannten Landtief, östlich von Mönchgut, hat sich das Eis noch dichter aufgeschoben. Behrens setzt die “Görmitz” zurück und boxt sich mit der Kraft der vier Schiffsschrauben Meter für Meter durch die Barriere. Dahinter ist schon die Silhouette des Holländers im offenen Wasser erkennbar. Über Funk meldet sich Lotse Mathias Kreisel, auf dessen Kommando die “Eems Chrystal” Fahrt in das Eis aufnimmt, sich wenige Hundert Meter hinter die “Görmitz” setzt und dann durch die neun Meter breite, aufgebrochene Schneise steuert.
Nach zwei Stunden Kampf mit fünf Knoten durch jungfräuliches Festeis ist der Hafen Lubmin erreicht. “Vielen Dank Görmitz, prima Job”, lobt Lotse Kreisel über Funk und winkt noch einmal hinüber zur Brücke. Da steuert Behrens schon wieder zum Hafenausgang. Wenige Hundert Meter weiter ist die Backbord-Tonne 6 unter das Eis abgetaucht. Die Besatzung des Tonnenlegers spült sie frei und nimmt sie mit dem Teleskopkran an Bord.
Kurz darauf meldet sich der nächste Lotse. Vor der Eiskante im Landtief begehrt der norwegische Massengutfrachter “Lisbeth” Einfahrt in den Greifswalder Bodden. “Wir wollen im Wolgaster Südhafen Holzladung nehmen”, sagt Lotse Jens Mautsch, der vor Sassnitz an Bord des Frachters gestiegen ist. Sofort steuert der Tonnenleger zum nächsten Einsatz.
Am Nachmittag hat der Verband den Peenestrom und die Wolgaster Peenebrücke passiert. Später wird zur Verstärkung auch wieder der Eisbrecher “Arkona” in das Seegebiet beordert. Denn die Meteorologen haben Wind und neue Eisaufpressungen angekündigt.
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