In Weimar ist Occupy ein Trio
Weimar (dapd-lth). Als die Polizei das Occupy-Camp an der New Yorker Wall Street räumte, war Occupy Weimar noch nicht einmal gegründet. “In Weimar kommt alles etwas später”, sagt Franziska Parakenings und lächelt. Die 32-jährige Studentin war beim ersten Treffen in der thüringischen Stadt am 16. November dabei.
Am Anfang seien es fast dreißig Interessierte gewesen – der Jüngste 13, der Älteste 87 Jahre. Ebenso gemischt war das politische Spektrum – von links bis konservativ, wie Hannes Jäger sagt. Jetzt sind sie zu dritt.
Hannes Jäger ist 16 Jahre alt. Morgens geht er ins Goethegymnasium, abends designt er Demo-Flyer und arbeitet an Redebeiträgen. Der Dritte vom “harten Kern” in Weimar ist Kevin Klein, der hier seit dem Sommer Urbanistik studiert. Aufgewachsen in Stuttgart nahm er regelmäßig an den Protesten gegen den Bahnhofsumbau teil. “Das hat mir gezeigt, dass es etwas nützt, wenn Bürger auf die Straße gehen.”
In Weimar ist kein Bahnhofsumbau zu verhindern und “natürlich sitzt hier nicht das Hochkapital”, wie Jäger sagt. Aber man wolle sich mit der internationalen Protestbewegung gegen die Macht der Banken solidarisch zeigen. Auch in Weimar gebe es vieles, das die Leute störe – etwa die zeitweilige Schließung des Theaters im E-Werk. Occupy Weimar soll auch ein Netzwerk sein, um Proteste gegen lokale Probleme zu organisieren. “Protest am Stammtisch reicht eben nicht”, sagt Jäger.
Zudem soll über die nationalen und globalen Ungerechtigkeiten aufgeklärt werden, sagt Kevin Klein. Dabei greifen die Drei auch zu ungewöhnlichen Aktionen: Bei ihrem ersten Auftritt verlangten sie von verdutzten Besuchern eines Weihnachtsmarktes Spenden für die Rettung der Deutschen Bank. Die Aktion am 12. Dezember sei “natürlich ein wenig spät” gekommen, räumt Klein ein. Eigentlich habe es zu der Zeit schon andere Themen gegeben – etwa die Opfer der Nahrungsmittelspekulation.
In der Landeshauptstadt Erfurt hatten sich die dortigen Aktivisten am 10. Dezember als Scheintote vor die Banken gelegt. “Für uns sind steigende Brotpreise nicht schlimm, aber es gibt weltweit immer mehr Leute, die Brot brauchen und es nicht kaufen können”, sagt Mario Beetz, der sich bei Occupy Erfurt engagiert. Der 43-Jährige besitzt einen Grußkartenhandel und auch alle anderen sieben Mitglieder der Erfurter Gruppe verdienten als Mittelständler gutes Geld. “Aber wir sehen, dass es so nicht weitergehen kann.”
Für alle, die das auch sehen, hat Beetz die Internetseite “Occupy Thüringen” eingerichtet. Dort können sich die Gruppen von Ilmenau bis Zeulenroda austauschen. Insgesamt seien es sechs Gruppen und geschätzte 50 Aktivisten in Thüringen, sagt Beetz. Genaue Zahlen gebe es nicht, denn Occupy werde nicht von oben organisiert, sondern wachse von unten.
“Hierarchielosigkeit ist mir wahnsinnig wichtig”, sagt Jäger. Deswegen werde alles im Konsens beschlossen, anders als in Parteien. Mit 13 war er in die SPD eingetreten, mit 15 hat er sie wieder verlassen: “Es gab dort keine Gleichberechtigung und keinen Zusammenhalt.” Seitdem engagiert er sich in verschiedenen Bürgerbündnissen, dem kommunalpolitischen Verein “Neue Linke” und Occupy. “Politik hat nichts mit Parteien zu tun”, sagt Jäger.
Dass die Ziele von Occupy Parteigrenzen überschreiten, zeigte sich bei der Bündnisdemo am 15. Januar: Außer den Thüringer Occupy-Gruppen sind auch Mitglieder der Piraten, der grünen Jugend und der Linken nach Erfurt gekommen, um zum Jahresauftakt gemeinsam für mehr Transparenz und Bürgerbeteiligung zu demonstrieren. “Wir wollen die Leute wachrütteln”, sagt Beetz.
Auch wenn im Zug der Demonstranten nur Vereinzelte mitrufen, wenn Beetz “Banken, Banken in die Schranken!” anstimmt: Immerhin 100 Leute waren zur Kundgebung gekommen. Manche der Occupy-Aktivisten seien vielleicht frustriert, wenn sie nicht sofort die großen Massen erreichten, aber er sei ein geduldiger Mensch, sagt Beetz. “Die Wende ist ja schließlich auch nicht von heute auf morgen gekommen.”
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